Ausgehend von den USA haben Organizing-Ansätze auch in Deutschland Einzug in die Debatte und Praxis verschiedener politischer und gesellschaftlicher Akteure gefunden. Die Frage, was Organizing eigentlich ist, lässt sich dabei kaum einheitlich beantworten. Am ehesten lässt es sich als ein Bündel von Methoden und Sozialtechniken beschreiben, das auf die Aktivierung und Ermächtigung einer bestimmten Zielgruppe gerichtet ist und sie zum kollektiven Handeln anleiten will. Um welche Zielgruppe es sich dabei handelt und zu welchen kollektiven Handlungen sie bewegt werden soll, kann jedoch höchst unterschiedlich sein. Linke Gruppen und Organisationen beziehen sich ebenso auf Organizing wie die staatliche Sozialarbeit, große und kleine Gewerkschaften nutzen Organizing-Methoden ebenso wie christliche Freikirchen, politische Parteien oder Interessenverbände. Sie können damit die Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen bestimmter Bevölkerungsgruppen oder in bestimmten Stadtvierteln anstreben, die Demokratisierung von Entscheidungsprozessen oder die Mobilisierung von Wähler_innen forcieren, eine Beteiligung sozial schwacher Bevölkerungsschichten an der Aufwertung ihrer Viertel im Visier haben oder einen Mitgliederzuwachs bestimmter Organisationen erreichen wollen. Diese Vielzahl an Akteuren und Stoßrichtungen macht deutlich, dass es sich bei Organzing nicht per se um einen Ansatz von und für progressive politische Bewegungen handeln muss, sondern es eben ganz entscheidend darauf ankommt, welche Akteure Organizing-Methoden mit welcher Zielsetzung einsetzen. Auch ein explizit ›rechtes‹ Organizing ist keineswegs ausgeschlossen und findet sich beispielsweise in den USA bei Kampagnen gegen den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs oder im Umfeld der Tea-Party-Bewegung.

Um sich in dieser Vielzahl an Ansätzen und Anwendungsgebieten, die sich als Organizing verstehen oder sich darauf beziehen, zu orientieren, können sie auf unterschiedliche Art und Weise kategorisiert werden. So lassen sich beispielsweise transformative Organizing-Ansätze von liberalen Varianten unterscheiden. Während transformative Ansätze einen grundlegenden Wandel der politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse für unausweichlich halten, um die Lebensbedingungen breiter Bevölkerungsschichten nachhaltig zu verbessern, fokussieren liberale Ansätze auf einen Wandel innerhalb der bestehenden Verhältnisse und blenden die Vielzahl von sich überlagernden Unterdrückungsmechanismen und gesellschaftlichen Einflüssen, die auf die zu organisierende Zielgruppe wirken, weitgehend aus. Auch lassen sich Veränderungsstrategien danach unterscheiden, wie stark sie die Zielgruppe, für die Veränderungen eigentlich angestrebt werden, in die Entwicklung von politischen Prozessen einbezogen werden. So fokussiert der Ansatz eines Deep Organizing auf die die Rekrutierung und Einbeziehung einer großen Masse von betroffenen Menschen, sei es an ihren Arbeitsplätzen oder in ihren Communitys. Mobilizing-Ansätze dagegen bauen hauptsächlich auf haupt- und ehrenamtliche Aktivist_innen und versuchen, mit kampagnenförmigen Strategien, der Produktion ›großer‹ Bilder und eine professionelle Medienarbeit Veränderungen zu erreichen. Im Advocacy-Ansatz vertritt eine hoch professionalisierte Elite mittels juristischen Prozessen, kostenintensiven Werbeaktionen und einer Beeinflussung der Mächtigen im ›Hinterzimmer‹ die Anliegen der Betroffenen.

Dabei ist jedoch immer zu berücksichtigen, dass es sich auch bei solchen Kategorien nur um konstruierte Schemata zur Einordnung unterschiedlicher Organizing-Ansätze handelt und es in der Praxis wenig Sinn macht, sie gegeneinander zu denken. In der Realität ist kein 100% transformativer Ansatz zu finden, der einem zu 100% liberalen gegenübersteht, ebenso bedürfen Ansätze eines Deep Organizing mehr oder weniger stark ausgeprägte Elemente aus Advocacy und Mobilizing Strategien, um erfolgreich zu sein. Auch die von Vertretern einer „liberalen“ Traditionslinie des Organizings entwickelten Methoden und Aktionsformen können beim Organizing für eine transformative Umwälzung der gesellschaftlichen Verhältnisse sinnvoll und hilfreich sein, während auf der anderen Seite sicherlich nicht jeder als transformativ beschriebene Ansatz tatsächlich über das bestehende hinausweist.

Selbst wenn wir wollten können wir an dieser Stelle also nicht auf die eine, richtige Theorie gesellschaftsverändernden Organizings verweisen. Viele Akteure aus unterschiedlichen Bereichen haben ihren Teil zur Entwicklung von Organizing-Ansätzen beigetragen, welcher ihrer Vorschläge ein sinnvoller Beitrag zu einem linken Kulturwandel durch Organizing sein kann, zeigt sich nur in der konkreten Praxis. Im Folgenden verweisen wir daher auf unterschiedliche Autor_innen, deren Ansätze, Organisierungserfahrungen und Reflektionen der eigenen Arbeit in unseren Augen für all diejenigen, die Organizing in ihrer politischen Praxis verankern wollen, inspirierend sein können.