Saul Alinsky wird häufig als Begründer des Community Organizings betrachtet. Ab Ende der 1930er Jahre baute Alinsky zunächst in Chicago, später in den gesamten USA Organisationen in Armenvierteln, Slums und benachteiligten Nachbarschaften auf, in denen die Bewohner_innen sich organisierten und ihre Interessen gegen Politiker_innen, Unternehmen und „Besitzende“ durchsetzen. Alinskys Markenzeichen und Katalysator seiner Bekanntheit waren konfrontative, öffentlichkeitswirksame und kreative Massenaktionen gegen die (vermeintlichen) Verursacher konkreter Missstände, die so zum Einlenken und zur Erfüllung von Forderungen gebracht werden sollten. Durch die gemeinsamen kollektiven Aktionen und Erfahrungen sollten die versprengten Individuen und Kleingruppen innerhalb eines Viertels zu einem kollektiven Akteur geformt werden. Durch die Identifikation und den Aufbau lokaler „Schlüsselpersonen“ sollten die professionellen Organizer_innen sich Stück für Stück aus der Organisation zurückziehen und diese mit der Zeit in der Lage sein, sich mittels der erlernten Konflikttaktiken und Aktionsformen selber gegen Missstände und Diskriminierungen zur Wehr zu setzen.

Alinskys Ansatz wird von vielen Linken zu Recht als zu kurz greifend angesehen, da er Veränderungen immer nur innerhalb der bestehenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ordnung anstrebt und damit letztlich systemstabilisierend wirkt. Für Alinsky ist jede Form der Diskriminierung und Benachteiligung ausschließlich eine Frage der ungleichen Machtverteilung. Da in seinem Ansatz alle Akteure durch Organisierung ausreichend Macht gewinnen können, um sich durchzusetzen, geraten strukturelle Diskriminierungen, z.B. auf Grund von Klasse, Hautfarbe oder Geschlecht, kaum in den Blick. Jedoch können seine Methoden, die immer in erster Linie auf die kollektive Handlung der direkt Betroffenen zielen, uns auch heute noch als Vorbild dienen. Mit kreativen, konfrontativen Massenaktionen gelang es Alinsky und seinen Organisationen immer wieder, ihre Interessen gegen die Herrschenden durchzusetzen – und das nicht (nur) in Vertretung, sondern unter Beteiligung eines großen Teils einer lokalen Community.

Alinsky verschriftlichte seine Erfahrungen in mehreren Büchern, in denen er nah an der Praxis aus seinen verschiedenen Organizing-Projekten berichtet. „Reveille for Radicals“ und „Rules for Radicals“ wurden in den USA zu Bestsellern und dienten Generation von angehenden Community Organizern als Inspiration und Handbuch.

Englisch:

Alinsky, Saul D. (1946): Reveille for Radicals. New York: Random House.

Alinsky, Saul D. (1971): Rules for Radical – A Practical Primer for Realistic Radicals. New York:

Random House.

Deutsch:

Alinsky, Saul D. (1973): Leidenschaft für den Nächsten. Strategien und Methoden der Gemeinwesenarbeit. Gelnhausen/Berlin: Burckhardthaus.

Alinsky, Saul D. (1974): Die Stunde der Radikalen. Ein praktischer Leitfaden für realistische Radikale. Gelnhausen/Berlin: Burckhardthaus.

Alinsky, Saul D. (2011): Call Me a Radical. Organizing und Empowerment – Politische Schriften. Bornheim: Lamuv.