In diesem Artikel bekommt ihr einen Überblick über die 6 Phasen einer Organizing Kampagne. Das ist wichtig, weil aus unserer Sicht die Vorstellung der meisten Menschen von erfolgreicher Gewerkschaftsarbeit oder anderen politischer Arbeit stark geprägt ist von sichtbaren Aktionen wie Streiks, einer Kundgebung, Demonstrationen, einer online Petition oder ähnlichem. Dort wo richtig was geht, ist man erfolgreich. Doch das sind die Eisbergspitzen, die aus dem Wasser ragen. Die eigentliche Arbeit beim Organizing fängt viel weiter unten an. 

Hier könnt ihr den Podcast hören: 

https://www.podcaster.de/simpleplayer/?id=show~hcyqm7~klassenfrage~pod-5ff0350f0071a113166061&v=1609583577

Wenn wir uns den Eisberg mal genauer unter die Lupe nehmen, finden wir unterschiedliche Schichten. In einer Organizing Kampagne sind das die unterschiedlichen Phasen. Jede Phase ist die Voraussetzung für die jeweils nächsten Schritte in einer Kampagne. Dabei gibt es verschiedene Modelle, wir stellen hier ein gängiges vor.

Die 6 Phasen lauten:

1. Recherche
2. Zugang
3. Basisaufbau
4. Testkonflikt
5. Eskalation und Konflikt
6. Ergebniskommunikation

Jede Phase benötigt eine eigene Planung und unterschiedliche Werkzeuge mit denen man erfolgreich weiterkommt. 

1. Recherche

Bevor es los geht, ist die Basis allen Handelns so viele Informationen wie möglich zu sammeln. Wissen ist Macht und kann uns gerade in der heißen Phase, wenn der Konflikt so richtig am kochen ist den Arsch retten.

Hier ein paar Beispielhafte Fragen, die es zu beantworten gilt:

Wer ist unser Gegner?

Beispielsweise bei einem Wohnhaus das zerfällt müssen wir uns die Eigentumsverhältnisse anschauen. Handelt es sich z.B. um eine Stadtverwaltung, ein Unternehmen, eine Personengruppe oder ähnliches.

Wer sind die handelten Akteure?

Wer sind seine Stakeholder? Also wer hat ein Interesse an der Entwicklung dieses Unternehmens oder was auch immer es ist.

Wie ist das Netzwerk?

Gibt es z.B. Verflechtungen mit anderen Unternehmen oder Personen die im Stadtrat sitzen oder gibt es weitere Unternehmen oder Wohnblöcke die dieser Personengruppe gehören.

Wie sind die wirtschaftlichen Zahlen bspw. eines Unternehmens?
Wo sind seine Stärken und wo seine Schwächen?
Wo sind mögliche Druckpunkte?

Wo sind unsere Druckpunkte? 
Beispielsweise in einem Betrieb in dem viele Leiharbeitnehmer arbeiten, können diese schnell ersetzt werden, wenn die Arbeit leicht zu erledigen ist.

Was sind unsere Machtressourcen?

Und dann natürlich für die folgende Arbeit der wichtigste Aspekt:

Wer sind unsere Adressaten?
Wie kommen wir mit ihnen in Kontakt?
Kennen wir schon Menschen die uns nahe stehen? Beispielsweise Mitglieder im Betrieb oder Aktive aus einem Viertel.
Wo treffen sie sich?
Was sind ihre Interessen?
Gibt es eine Historie, die wichtig ist?
Was können mögliche Themen sein?
Was können mögliche Lösungsansätze sein?

Die Zusammenstellung der Fragen ist nur unvollständig. Entscheidend ist, dass man sich einen bestmöglichen Überblick über alles erstellt. Dazu gehört auch ein erstes Mapping, das im Verlauf der Kampagne immer detaillierter und detaillierter wird.

Den Gegner kennen ist das A und O und noch wichtiger ist es unsere Leute zu kennen. Das ist unser Ausgangspunkt für die Strategieentwicklung.

2. Zugang

Jetzt geht es darum mit den Menschen in Kontakt zu kommen, mit denen wir arbeiten wollen. 

Wichtiger Hinweis!

Wir betreten als Organizer nie neutralen Raum. Überall gibt es bereits ausgebildete Strukturen, Wortführer, Schlüsselpersonen, formelle und informelle Hierarchien, also auch Dynamiken unter den Leuten. 

Diese Strukturen zu beleuchten und zu verstehen ist das A und O jeder erfolgreichen Organizing Kampagne. Daher ist es sinnvoll behutsam vorzugehen und mit den Leuten zu beginnen, die bereits hinter der Sache stehen oder zu denen wir zumindest eine persönliche Beziehung haben wie Nachbarinnen oder Kollegen aus der gleichen Abteilung. 

Das entscheidende Werkzeug für diese Phase sind 1 zu 1 Gespräche. Zu Beginn müssen wir zuhören, zuhören und zuhören. 

Was haben die Menschen zu sagen? 
Was sind ihre Themen? 
Wie sind die Strukturen untereinander? 
Was sind mögliche Schlüsselpersonen und wie denken sie?

Die Arbeit der Recherche wird hier weiter verfeinert. Wir aktualisieren unser Mapping mit den neuen Erkenntnissen. Wir machen uns Notizen über jedes geführte Gespräch und sammeln diese Notizen und legen sie ab. Wir sammeln Kontakte und lassen uns weitere Kontakte in Gesprächen geben.

Zu Beginn ist unser Ziel in den Gesprächen von jeder Person eine neue Person genannt zu bekommen mit der wir reden können, uns weiter zu hangeln von Gespräch zu Gespräch und in diesen Gesprächen so viel zu erfahren wie wir können. Dabei gehen wir immer nach dem Anger- Hope – Action Prinzip vor.

Wir suchen hier nach den ersten Mitstreiter*innen und treffen erste Verabredungen mit den Menschen wie z.B. dass sie uns die Telefonnummer eines Nachbars schicken soll usw. Dadurch sehen wir schon, wer zuverlässig arbeitet und wer es ernst meint. 

Außerdem wollen wir die Schlüsselpersonen finden und sie für unsere Bewegung gewinnen.

3. Basisaufbau

Wenn wir einen guten Zugang gefunden haben, kennen wir die Menschen mit denen wir arbeiten wollen besser. Wir haben ein Gefühl entwickelt. Wir kennen einige Probleme und können mögliche kollektive Themen herausarbeiten. Jetzt können wir einen ersten Weg skizzieren und eine Botschaft entwickeln, mit der wir unsere Basis aufbauen.

Das Ziel hier ist klar, mehr werden, stärker werden. Je nach Kampagne und Situation kann es entscheidend sein, dass wir nach außen hin nicht sichtbar sind, sondern uns unter der Wasseroberfläche bewegen. Denn sonst könnte der Gegner zu früh von unserer Initiative mitbekommen und Gegenmaßnahmen ergreifen. Klassischerweise ist das die Situation bei Betriebsratsgründungen oder Tarifbewegungen, aber nicht nur dort. Grundsätzlich gilt: Je länger wir uns im geschützten Raum bewegen, können wir einen Schritt voraus sein.

Das zentrale Element ist der Aufbau eines Aktivenkreises. Hier kommen alle Menschen zusammen und planen und organisieren ihre Kampagne. Außerdem ist er hilfreich, um immer wieder zu schauen, hat man die richtigen sogenannten „heißen Themen“ gefunden und eine funktionierende Struktur aufgebaut, die gemeinsam handelt. 

Das heißt die weitere Menschen anspricht, verbindlich Aufgaben erledigt, sich kollektiv auf einen Konflikt vorbereitet oder sitzen immer nur die gleichen fünf Radikalinskis da und erzählen, dass es schwierig ist andere zu motivieren auch mal in der Freizeit vorbeizukommen. Sowas ist ein ernster Warnhinweis, haben wir die richtigen Leute? Das richtige Thema? Ohne Basis kein Erfolg.

4. Testkonflikt

Steht die Basis, könnte man meinen, es kann losgehen. Aber niemand kann sagen, wie die Basis zusammenhält, wenn es wirklich zum Konflikt und vor allem zu Sanktionen oder Gegenwehr auf der anderen Seite kommt. 

Wie kann man es rausfinden? Man testet. Ein Testkonflikt ist eine Aktion, die noch nicht entscheidet, ob wir gewinnen oder verlieren, wo man aber zum ersten Mal sichtbar wird und gemeinsam handelt.  

Im Idealfall ist sie sehr niedrigschwellig und bietet eine breite Beteiligungsmöglichkeit. Sie stellt die erste Stufe unserer Eskalationskampagne dar und ist die Voraussetzung für alle weiteren Aktionen.

Wichtiger Hinweis!
Vor dem ersten Sichtbar werden ist es wichtig, unsere Aktiven regelmäßig zu impfen. Das bedeutet, darauf hinzuweisen, was können mögliche Sanktionen sein, was kann schlimmstenfalls eintreffen und vor allem die Frage zu klären, wie gehen wir dann damit um? Die Antwort darauf muss überzeugend sein, denn nur so können wir die Angst vor einer Eskalation nehmen und die Menschen ins handeln bringen.

Die Vorbereitung für diesen Test ist entscheiden. Uns darf an dem Tag der Aktion nicht überraschen, wer dabei ist und wer nicht. Wir haben ein klares Mapping, klare Aktionszusagen im Vorfeld und können dadurch fast genau die Zahl der Teilnehmer*innen vorhersagen.

War unser Test erfolgreich können wir weitermachen. Fehlt es noch an Zusammenhalt geht es zurück zum Basisaufbau und zur Reflexion was anders gemacht werden muss.

5. Eskalation und Konflikt

Jetzt treten wir in die entscheidende Phase unserer Organizing Kampagne.

Mit einer klarer Botschaft, verabredetem Stufenplan und eine sinnvolle Aufgabenverteilung untereinander geht es in die sogenannte Druckkampagne. Jetzt versuchen wir mit unseren Aktiven in einem strukturierten Vorgehen Stufe für Stufe mehr Druck aufzubauen bis wir an unser Ziel angekommen sind. Wir reden hier nicht von zwei, drei Tagen hintereinander demonstrieren, sondern eine solche Eskalation kann sich auch über Monate hinweg ziehen.

Wir brauchen einen langen Atem, weil wir länger durchhalten müssen, als die Gegenseite. Im Zweifelsfall müssen wir immer noch eins drauflegen können.

Wie ein solcher Eskalationsplan aussehen kann und worauf man achten sollte, erfahrt ihr hier.

6. Ergebniskommunikation

Ist der Konflikt abgeschlossen kommen wir in die letzte Phase, die Ergebniskommunikation und vor allem auch Dokumentation. Oft vergessen und doch so essentiell, denn nichts motiviert so sehr wie bereits gemeinsam gewonnene Kämpfe. 

Ist der Konflikt gewonnen, dann muss die Botschaft an alle, wie wir das erreicht haben. Denn der nächste Kampf wird kommen und je mehr wir von gewonnen oder auch gescheiterten Kämpfen lernen können, desto besser können wir werden.

Abschließend sei gesagt, wir sprechen hier von einem idealtypischen Modell. Klar ist, es braucht in jeder Hinsicht Kreativität im Umgang mit den verschiedenen Situationen die es zu meistern gilt. Manchmal überschlagen sich Ereignisse und genau dann müssen wir genug strategisches Feingefühl haben, um einfach mal auf Modelle und starre Phaseneinteilung zu scheißen und ins Handeln kommen.

Um Karl Marx abgewandelt zu zitieren „Jeder Schritt wirklicher Bewegung ist wichtiger, als ein Dutzend Kampagnenpläne.“

Zusammenfassung:

Wir unterschieden in sechs Phasen:

1. Die Recherchephase, in der wir so viele Informationen wie möglich über den Gegner und unsere Leute gewinnen wollen.
2. Den Zugang, wo wir erste Kontakte knüpfen, unsere Recherche verfeinern und erste Aktive gewinne.
3. Den Basisaufbau, wo wir ein Aktivenkreis etablieren, mehr werden und unser heißes Thema definieren.
4. Der Testkonflikt, den wir gemeinsam mit unserem Aktivenkreis planen und umsetzen. Hier zeigt sich, ob wir auf einem guten Weg sind mit unseren Leuten oder ob wir auf die falschen Aktive oder Themen gesetzt haben.
5. Die Eskalation und der Konflikt, hier wollen wir gewinnen. Wir bauen so lange Druck auf, bis wir am Ziel sind. Diese Phase kann je nach Thema sehr lange dauern.
6. Die Ergebniskommunikation, tu gutes und erzähl davon. Gewinne Konflikte und berichte darüber oder lass andere aus deinen Fehlern lernen. So können wir zusammen weiterkommen.