Das 1:1 Gespräch ist der Grundbaustein des Basisaufbaus und füllt ganze Tage bei Organizing Workshops. Wir einen schnellen Einstieg geben, der einen solchen Workshop nicht ersetzt. Viele Werkzeuge im Organizing müssen trainiert werden, eins der schwersten ist sicherlich ein gutes und zielgerichtetes Gespräch zu führen. Das braucht Übung.

Am besten ist es, einen oder eine erfahrene Organizer*in zu bitten gemeinsam mit Dir und Deiner Gruppe ein Tagesworkshop oder natürlich noch besser ein Wochenende zu nutzen, um das 1:1 Gespräch richtig zu trainieren, bevor ihr los geht. Falls ihr niemanden kennt, meldet euch einfach, wir vermitteln euch gerne jemanden!

1. Was macht das 1:1 Gespräch so wichtig?

Mit Menschen reden, das können wir alle, warum ist das 1:1 Gespräch dann so ein großes Ding im Organizing?

Das klassische politische Gespräch läuft folgendermaßen ab, es folgt ein fiktives Beispiel:

Person 1, nennen wir diese Person Messias, versucht Person 2, nennen wir diese Otto Normal, zu überzeugen.

Messias sagt: Komm am Samstag zur Demo, wir wollen für niedrigere Mieten auf die Straße gehen. Da muss sich was ändern.

Otto Normal antwortet: Ich hab am Samstag keine Zeit.

Messias beharrt: Wie kannst du am Samstag keine Zeit haben? Das Thema ist mega wichtig, wenn jeder so denkt ändert sich nie was.

Otto Normal erwidert: Meine Miete ist gar nicht zu hoch, für mich passt das. 

Messias: Du kannst ja nicht nur von dir ausgehen, weil du genug verdienst heißt das ja nicht, dass die Mieten nicht für andere zu hoch sind. Weißt du eigentlich wie das eine Familie macht die die gerade Mal Mindestlohn verdient? Die findet gar keine bezahlbare Wohnung mehr. Außerdem sind die Mieten in den letzten Jahren im Stadtzentrum um über 20 % gestiegen. Das verdrängt die Menschen ins Umland und zwingt sie zu langen Pendelstrecken zur Arbeit. Dadurch nimmt der Verkehr zu und das hat wiederum massive Auswirkungen auf die Umwelt und außerdem….


Und so weiter und so fort. Das Muster ist immer ähnlich. Messias knallt Argument 1,2,3 dem Gegenüber an den Kopf und erwartet Einsicht und erhebt den moralischen Zeigefinger. Messias hat sich ja immerhin viele Gedanken darübergemacht. In dem Beispiel steht Otto Normal aber mitten im Leben und beansprucht für sich eine klare Meinung zu haben was richtig ist und was falsch läuft im Land und macht erstmal die Schotten dicht.

Menschen die mit starken Meinungen um sich werfen gibt es da draußen genug. Das führt dazu, dass Messias erst recht mit guten Argumenten um sich wirft, um Otto Normal im argumentativen Wettstreit zu besiegen. Ab jetzt kann Otto Normal gar keine Einsicht mehr zeigen, weil er ja dann zugeben müsste, dass er falsch liegt. In diesem Wettstreit verhärten sich Fronten, ohne dass jemand irgendwas gewinnt. Dabei könnte es sein, dass Otto Normal ein Problem mit dem vielen Autolärm vor seiner Haustüre hat und gerne was daran ändern würde, aber das wird der Messias nicht erfahren.

Daher gilt beim 1 zu 1 Gespräch, fragen statt erzählen!

Wenn unser Interesse also ist, Menschen zu bewegen und zu aktivieren, müssen wir wissen was sie beschäftigt. Wir müssen zuhören und unsere Argumente auf ihre Situation und Themen anpassen, nicht andersrum. Wir können nicht davon ausgehen, dass sie genau das gleiche wütend macht, was uns wütend macht.

Das 1 zu 1 Gespräch dient dazu rauszufinden, wo ihre Emotionalität liegt. Im Fall im Betrieb könnte es sein, wir wollen mehr Lohn erkämpfen, aber eigentlich bedrückt die Person Mobbing durch Vorgesetzte viel mehr. Finden wir das nicht raus und nehmen das Thema auf, werden wir die Person irgendwann verlieren.

Der Schlüssel zum Erfolg im 1:1 Gespräch sind deshalb offene Fragen. Wir wollen, dass die Menschen ins Reden kommen. Wir hören zu. Als Orientierung dient dazu die 70/30 Formel. 

70% zuhören, 30% selbst sprechen. 70/30 ist eine wichtige Leitlinie, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie viel unser eigener Redeanteil ist. Wir befinden uns nicht im Dialog, das wäre 50/50. Wir kauen den Leuten nicht das Ohr ab, das wäre 90/10. Wir stellen Fragen und hören uns die Antworten an und geben eine Orientierung und treffen Verabredungen, also 70/30.

Hier kannst du nochmal die Grundlagen zu Anger-Hope-Action nachlesen.

2. Der Gesprächsablauf

Bevor wir in den Gesprächsablauf einsteigen müssen wir folgende Fragen klären:

– Was ist der Gesprächsanlass?
– Welche Botschaft haben wir?
– Welchen Plan haben wir?
– Was ist unser Ziel des Gesprächs, also was sind am Ende die Verabredungen oder Handlungen, die wir von der Person wollen?

Ohne die Antworten auf diese Fragen zu kennen, gehen wir in kein 1:1 Gespräch. Die Bezeichnung für so eine Art von Gespräch wäre dann eher Kaffeeklatsch. 

Wie bekommen wir die Themen der Menschen mit denen wir reden und wie bekommen wir sie zu einer Handlung?

Die drei Bestandteile

Wir teilen das 1 zu 1 Gespräch in die drei Bestandteile Anger Hope Action ein und unterteilen diese nochmal weiter, dann entsteht:

1. Anger

1.1. Vorstellung
1.2. Thema finden
1.3. Thema zuspitzen

2. Hope 
2.1. Botschaft
2.2. Plan

3. Action
3.1. Zusage/ Crunch

3.2. Einwand Behandlung/ Eine Schleife drehen
3.2. Verabredung

Gehen wir auf den ersten Block ein:

1. Anger

1.1. Vorstellung

Wir stellen uns kurz vor, wer wir sind und was wir genau wollen.

Mein Name ist XY von der Organisation aktive Nachbarschaft. Wir sprechen gerade mit vielen Nachbar*innen in der Nachbarschaft zu ihren Erfahrungen im Viertel und Deine Nachbarin YX hat mir gesagt, dass du da auch einige Themen hast.

1.2. Themen finden

Nachdem wir eingeleitet haben gehen wir zum Fragen über. Wichtig ist, wir verwenden so oft es geht offene Fragen. Das erfordert ein wenig Übung, bringt aber die Menschen zum Reden. Wir wollen keine Fragen die man einfach mit ja oder nein beantworten kann. Gerade am Anfang sind einige Menschen noch gehemmt einfach zu erzählen. Wir müssen sie daher erstmal warm werden lassen.

– Wie lange wohnst du schon hier im Viertel?
– Wie ist dein Eindruck von der Nachbarschaft?
– Wie ist dein Verhältnis zum Vermieter/ zur Vermieterin?
– Kennst du viele Menschen die hier wohnen oder ist man sich eher fremd?
– Hat sich in den letzten Jahren im Nahverkehr etwas geändert?
– Wie sind deine Eindrücke von der Situation im Nahverkehr?
– Wo arbeitest du?

Wenn das Gespräch langsam in Gang kommt klopfen wir gehörtes ab um herauszufinden, ob dass das heiße Thema ist. Wo drückt der Schuh bei der Person?

– Du meintest die Fahrpreise haben sich erhöht, wurde damit die Busabdeckung verbessert?
– Es sind viele neue Menschen ins Viertel gezogen, was hat sich dadurch verändert?
– Die Buslinie wurde vor drei Jahren eingestellt, was waren die Auswirkungen dadurch?
– Was sind deine Befürchtungen, wenn die Autobahn direkt durch den Wald gebaut werden soll?

In besonders schwierigen Gesprächen, wo gar kein heißes Thema aufzupoppen scheint, helfen sehr vereinfachte Fragen:

– Wenn du eine Sache im Nahverkehr verändern könntest, was wäre das?
– Auch schön die Variante: Stell dir vor du hättest einen Zauberstab und könntest genau eine Sache verändern, was wäre das?

Wichtiger Hinweis:
Es gibt an der Stelle keinen Automatismus, dass immer gute, also kollektiv gewinnbare Themen in so einem Gespräch rauskommen. Je nachdem mit wem wir sprechen kann es auch sein, dass rassistischer Müll kommt. 


Damit müssen wir souverän umgehen. Wir erinnern uns zurück an die sechs Phasen des Organizing, eine gute Recherche und Vorbereitung im Vorfeld erspart uns viel unnötigen Ärger beim 1:1 Gespräch.

Wir gehen jetzt von der Situation aus, dass wir das Thema gefunden haben, das so richtig auf der Seele brennt. Wir erkennen das daran, dass Menschen wütend oder emotional werden oder einfach sehr vehement darauf einsteigen. 

1.3. Thema zuspitzen:

Wenn wir ein Thema gefunden haben, das die Person wütend macht, spitzen wir es zu. Wir streuen Salz in die Wunde. Wir schüren die Wut und verwenden dafür beispielsweise Fragen wie:

– Was macht das mit dir?
– Welche Auswirkungen hat das auf dein Familienleben?
– Wie schaffst du es da noch dir irgendeine Form von Freizeit zu erhalten?
– Du musst doch total kaputt sein, wenn du eine Stunde früher aufstehen musst nur weil der Bus so schlecht fährt?
– Der Schimmel in der Wohnung macht doch unglaublich krank?
– Bleibt dann am Ende überhaupt noch Geld übrig, wenn die Miete jedes Jahr erhöht wird?

Wenn Themen einen emotional berühren und heftig sind, kann man genau das auch sagen. Die meisten Menschen haben sich mit ihrer Lebensrealität irgendwie abgefunden. Ihnen zu spiegeln, dass das nicht die Normalität sein darf hilft, bei ihnen eine berechtigte Wut zu verstärken. Wir brauchen uns an dieser Stelle absolut nicht verstellen.

Mit dieser Grundlage können wir in den Hope Teil überleiten. Wir machen niemanden wütend, wenn es keine Hoffnung auf Verbesserung gibt. Wir brauchen jedoch die Wut, um die Menschen bewegt zu bekommen. Niemand bewegt sich, wenn die Person nicht unbedingt muss oder einen Eigennutz darin sieht. 

2. Hope

Im Hope Teil steigen wir mit 

2.1. Botschaft

Die Person ist richtig wütend oder sagen wir mal zumindest gereizt über ein bestimmtes Thema und dementsprechend auch empfänglich für unsere Botschaft.

Die Botschaft ist kurz und prägnant, beispielsweise:

„Das Problem was du mir gerade schilderst haben mir schon viele Nachbar*innen erzählt. Wenn man allein losgeht, um etwas zu verändern, läuft man meist gegen eine Wand. Wenn alle zusammen bei der Stadtverwaltung vor dem Rathaus stehen, können sie uns nicht ignorieren.“

Dann die Überleitung zum

2.2. Plan

„Aus diesem Grund reden wir gerade mit allen Menschen die jeden Tag mit dem Bus fahren. Nur wenn wir alle zusammen handeln, können wir was verändern. Wir müssen viele sein und aus diesem Grund wollen wir alle zu einem Nachbarschaftstreffen einladen. Da planen wir konkrete Schritte, wie wir die Situation verändert bekommen.“

Dann geht es auch schon über zur

3. Action

Kommen wir zum schwierigsten Teil. Jetzt geht es um alles.

3.1. Zusage/ Crunch

„Bist du dabei?“

3.2. Einwand Behandlung/ Eine Schleife drehen

Die Person antwortet plump mit „Nein“. Wir können jetzt wunderbar die von der Person selbst genannten Gründe nennen, die eine Beteiligung so wichtigmacht.

„Du hast doch vorhin gesagt, wenn du noch ein paar Monate länger in der Schimmelbude leben musst, werden du und deine Kinder krank werden?“

Eventuell gibt es große Skepsis, weil in der Vergangenheit bereits etwas schiefgelaufen ist.

„Du sagst unser Plan ist utopisch und nicht umsetzbar. Was wäre aus deiner Sicht eine Möglichkeit, dass wir gemeinsam mit vielen die Dinge selbst in die Hand nehmen?“

3.3. Die Verabredung

Sollte die Person uns direkt eine Zusage gegeben haben, perfekt! Dann können wir uns jetzt für das Aktiventreffen oder ähnliches verabreden.

Sollte die Person nicht zu einer Zusage bereit sein und unsere Einwandschleifen nicht wirken versuchen wir einen Kompromiss zu finden. Wichtig ist, wir sind hartnäckig und wollen eine verbindliche Verabredung. Nur so kommen wir auf lange Sicht weiter.

3. Zusammenfassung

Im Podcast könnt ihr ein kurzes Beispiel von einem 1 zu 1 Gespräch anhören, wie es in der Praxis häufig abläuft. Im Gespräch mit Menschen kann man sich nicht immer stur an ein Schema halten. Wichtig ist, die Grundlagen für das 1 zu 1 Gespräch zu verinnerlich, zu üben und dann den eigenen Weg zum Ziel zu finden.

Bei einem 1:1 Gespräch wollen wir herausfinden was die Themen der Menschen sind und sie daran agitieren. Die Aufteilung des Redeanteils ist 70:30, 70% hören wir zu und 30% stellen wir hauptsächlich Fragen und führen durch das Gespräch.

Hier noch einmal die Gesprächsteile:

1. Anger
1.1. Vorstellung
1.2. Thema finden
1.3. Thema zuspitzen

2. Hope 
2.1. Botschaft
2.2. Plan

3. Action
3.1. Zusage/ Crunch
3.2. Einwand Behandlung/ Eine Schleife drehen
3.2. Verabredung

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