Die aktivierende Befragung ist ein sehr nützliches Werkzeug im Organizing. Denken wir an Befragungen, fallen uns seitenlange Umfragen ein, die dazu dienen wissenschaftliche oder auch marktwirtschaftliche Studien durchzuführen. Eine aktivierende Befragung ist das Gegenteil. Sie ist kurz, knackig und ihr Hauptziele sind der Erkenntnisgewinn und die Aktivierung der Befragten, um am Ende als propagandistisches Mittel für unsere Kampagne zu dienen.

Wenn wir uns einen Trichter vorstellen, bei dem es um das passende Thema für unsere Kampagne geht, steht die aktivierende Befragung nicht am Anfang. Für die breite Themenfindung brauchen wir unsere 1 zu 1 Gespräche oder eine möglichst breit gestreute Umfrage, die viel Freiraum für Antworten gibt.

Haben wir oben viele Themen reingekippt versuchen wir die heißen Themen zu finden. Heiße Themen im Organizing erfüllen kurz zusammengefasst vier Aspekte. Sie sind,

– Kollektiv
– Emotionalisierbar
– Konkret
– Gewinnbar

In unserer Folge dazu werden wir noch detaillierter darauf eingehen.

Haben wir die Themen eingegrenzt, können wir die aktivierende Befragung einsetzen. Anders als bei einer empirischen Studie bauen wir bei der aktivierenden Befragung unsere Fragestellungen so auf, dass wir die Antworten kennen bzw. vorhersehen können.

Was sind unsere Ziele mit diesem Instrument?

– Wir wecken die Wut mit unseren Fragen
– Wir verpacken einen Lösungsweg in die Fragen
– Wir fordern zum aktiv werden auf, beispielsweise Kontaktdaten anzugeben oder Mitglied werden, Bereitschaft an einer Aktion teilzunehmen etc. pp.
– Wir schaffen ein kollektives Gefühl: Problem X,Y betrifft nicht nur mich, sondern 90% denken so wie ich!
– Wir bauen Druck auf, indem wir kollektive Themen als solche sichtbar machen

Also ganz klassisch Anger-Hope-Action plus ein kollektiver Moment mit Propaganda Faktor.

1. Wie führen wir eine solche Befragung durch?

Es gibt dafür verschiedene Möglichkeiten.

1. Klassisch drucken wir ein A4 Blatt aus und packen dort alles drauf was wir brauchen. Die Befragung ist somit ein perfekter Gesprächsanlass, um mit vielen Menschen persönlich ins Gespräch zu kommen. Es empfiehlt sich immer getrennt von der Befragung die Kontaktkarten abzufragen, um die Befragung anonym zu halten. Schwierig wird es in großflächigen Gebieten den Rücklauf der Fragebögen zu organisieren. Da bieten sich Infostände an, wo die Teilnehmer*innen ein Dankeschön bekommen, wenn sie die Befragung direkt ausfüllen und einwerfen. Im Betrieb stellt man klassischerweise Wahlurnen an den Stempeluhren oder Ausgängen auf oder sammelt sie einfach wieder ein.

2. Während Corona oder in großen Gebieten bieten sich digitale Befragungen an. Einen QR Code zur Befragung und ein kurzer Link kann auf einen Flyer gedruckt werden. Auch hier stellt der Flyer ein Gesprächsanlass dar, um weitergehend ins Gespräch zu kommen. Wir brauchen dabei auch wie bei Punkt 1 Kontaktkarten.

Kurzer Einschub:
Alternativ kann man auch versuchen den Link zur Befragung über Social Media oder Newsletter zu streuen, ABER (!) das ist ohne persönliche Ansprache nur eine der letzten Optionen die man mit Blick auf die Effizients und den Mehrwert nutzen sollte. Nichts ersetzt das persönliche Gespräch, auch wenn man das Gefühl hat kaum voranzukommen. Irgendwann setzt im Idealfall das exponentielle Wachstum ein bspw. Wenn zwei Aktive mit zwei Menschen reden, die wiederum mit zwei Menschen reden usw. usf. Es gibt beim Organizing keine Abkürzungen und die nachhaltige Organisierung braucht Zeit.

3. Die Befragung als kollektive Aktion kann z.B. bei Versammlungen genutzt werden. Wir stellen Metaplanwände mit den 5 – 6 Fragestellungen auf und geben die Möglichkeiten mit Punkten die eigene Antwort zu markieren. Dadurch wird Stück für Stück ein kollektives Bild sichtbar. Je nachdem wer unser Adressat ist können wir die Ergebnisse in Verhandlungen oder zu Bürgersprechstunden der Stadtverwaltung mitnehmen.

Unabhängig welche Form ihr wählt ist es wichtig, dass ein klares Ziel für die aktivierende Befragung definiert ist. Platziert sie in eurer Kampagnenplanung an einer strategisch guten Stelle. In eurer Planung muss klar sein, was ist vorher gelaufen und was ist der nächste Schritt. Eine aktivierende Befragung bereitet immer den Boden für eine nächste Aktion. Sie steht nie alleine da, denn sie soll ja aktivieren und nicht zum passiv werden einladen.

2. Die Vorbereitung

Am besten bereitet ihr diese Befragung gemeinsam mit Eurem Aktivenkreis vor. Die Fragen, die ihr Euch stellen müsst sind:

– Welche Schritte sollen durch die aktivierende Befragung vorbereitet werden? So kann zum Beispiel in der Befragung bereits die Bereitschaft abgefragt werden sich an einer Aktion zu beteiligen.

– Welche Informationen brauchen wir für unser weiteres Vorgehen von den Befragten? Habt ihr zum Beispiel das Ziel, noch Informationen zu sammeln für euer Mapping oder geht es verstärkt darum zu einer Aktion zu mobilisieren

– Wie führen wir die Befragung durch? Also welche der vorher beschriebenen Mittel wählt ihr.

– Wie stellen wir einen möglichst hohen Rücklauf der Fragebögen sicher? Das ist eine der zentralsten Frage, sie entscheidet über Erfolg oder Misserfolg!

– Wie nutzen wir das Ergebnis der Befragung? Die Ergebnisse werden aufbereitet und als weitere Gesprächsanlässe oder Aktionen genutzt. Mit den starken Ergebnissen können wir auf die Stadtverwaltung, Geschäftsführung oder sonstige Gegenspieler zugehen und den Druck erhöhen. Das klingt populistisch und ist es in diesem Fall auch.

Kurz gesagt, die aktivierende Befragung ist keine vollständige Erhebung aller Fragen, die ihr gern wissen wollt, sondern vielmehr Agenda Setting. Ihr setzt mit den Fragen den Fokus in eurer Kampagne, worüber die Leute jetzt nachdenken und erhöht damit die Bereitschaft für weitere Aktionen dabei zu sein.

Achtung! Mit jeder Befragung weckt ihr auch die Hoffnung der Leute auf Lösung! Jedes Thema was ihr dort setzt, wird euch weiter begleiten, daher ist es wichtig vorher schon zu wissen, welchen Weg bieten wir den Befragten an. Die Antwort muss eure Kampagne liefern.

3. Wie sieht eine solche Befragung aus?

Es gibt Erfahrungswerte auf die es sich aufzubauen lohnt. Dazu gehört:

– Kurze Herleitung am Anfang, was ist der Anlass der Befragung und was geschieht mit den Antworten?
– Wenige, dafür gute Fragen: 5-6 Fragestellungen müssen reichen
– Mehrere Antwortfelder: Volle Zustimmung, Zustimmung, Ablehnung, Starke Ablehnung, Enthaltung (Enthaltung bietet sich an, wenn es eine Frage gibt, die einen Teil der Befragten nicht betrifft. Dadurch kann man sicherstellen, dass dieser Kreis nicht mit Ablehnung als Antwort reagiert)
– Ein Frei Feld am Ende, wo Themen oder Feedback, die in der aktivierenden Befragung nicht dran waren, reingepackt werden können
– Ein Kästchen „Ich bin bereit mich gemeinsam mit X,Y für eine Verbesserung von X,Y einzusetzen“
– Man kann am Ende nach dem Kästchen noch Kontaktdaten abfragen. Erfahrungsgemäß ist jedoch der Rücklauf von Kontaktkarten die unabhängig von der Befragung eingesammelt werden höher. Online gibt es die Möglichkeit die Anonymität auch mit Kontaktdaten Abfrage zu wahren.
– Nicht zu vergessen ist der Hinweis, wo die Befragung am Ende abgegeben werden soll. Die Hürde muss so niedrig wie möglich sein!

Jetzt wollen wir euch noch zwei Beispiele dafür geben, wie die Fragestellungen aufgebaut werden können:

Erstes Beispiel ist für eine aktivierende Befragung zu verschiedenen Themenblöcken im Betrieb:

Ich bin der Meinung, dass….

…der Betriebsrat über eine Betriebsvereinbarung Hitzeschutz zu einer spürbaren Veränderung des Arbeitsklimas beitragen soll.

…die Geschäftsleitung eine Lösung für fehlende und mangelhafte Abluftsysteme finden muss, um die Belastung durch bspw. Öldämpfe zu beenden.

…Kolleginnen und Kollegen für ihre regelmäßige Mehrarbeit einen angemessenen Bonusausgleich zusätzlich zu ihrem Arbeitsvertrag bekommen sollen.

…unsere Leistung der Motor und Garant des Unternehmenserfolgs von der Firma X,Y ist.

…wir für unsere Leistung angemessen bezahlt werden müssen und wir dafür einen Tarifvertrag brauchen.


Die ersten drei Fragen greifen Problemstellungen auf, also Themen die wütend machen. Mit der ersten Frage organisiert sich der Betriebsrat einen klaren Auftrag zu einer Betriebsvereinbarung, dieses Votum hilft in Verhandlungen. Bei der zweiten Frage wird die Ursache für die fehlende Lösung klar benannt, die Geschäftsleitung. Bei der dritten Frage leiten wir über zu der Lösung. Ein Bonusausgleich ist eine Form des Respekts. Danach kommt der Erkenntnisgewinn, die Kolleginnen und Kollegen sind die tragenden Säulen des Unternehmens und daraus ergibt sich logischerweise, tragende Säulen müssen ordentlich bezahlt werden. Klar braucht es einen Tarifvertrag.

Ein fiktives Beispiel für den öffentlichen Nahverkehr:

Ich bin der Meinung, dass…

… sich in den vergangenen Jahr die Fahrpreise stark erhöht haben, während mein Einkommen nur wenig gestiegen ist.

… gleichzeitig die Taktung der Linien schlechter geworden ist und die Busse vor allem zu den Stoßzeiten dadurch überfüllt sind.

… es für die Entlastung der Innenstadt von dem hohen Verkehrsaufkommen einen günstigen und funktionierenden ÖPNV benötigt.

… es für einen ökologischen Wandel der Mobilität mehr Geld in den öffentlichen Nahverkehr investiert werden muss.

… dass wir als Fahrgäste alle gemeinsam eine Verbesserung der Situation herbeiführen können.


Wie im ersten Beispiel greifen wir zu Beginn relativ plakativ Problemstellungen auf, setzen sie in einen Kontext und leiten dann über zu möglichen Problemlösungen. Im ersten wie im zweiten Beispiel steht immer die Aufforderung, wir müssen gemeinsam handeln, deswegen mach auch du mit.

Oder um es in anderen Worten zu formulieren:

Du willst was an der beschissenen Situation verändern?
Dann organisier dich!